Im Alter von bald hundert Jahren blickt das Haus wieder auf junge Häuser. Auf Appartement-Burgen, die sich wie ein Riegel in die Abendsonne stellen. Dorthin, wo einmal die Mauer stand. Das Haus hatte die Mauer fallen sehen, dann war freie Sicht gewesen.
Schließlich schütteten die Menschen vor ihm einen Erdwall auf, den sie bepflanzten und bebauten, auch dahinter wuchsen Immobilien in den Himmel, am Potsdamer Platz. Die Köthener Straße 38 liegt wieder im Schatten. Sie beherbergt eine Pizzeria und den Meistersaal darüber, dessen hohe Fenster amüsiert die Stadt betrachten, die so tut, als könne sie sich neu erfinden und als sei Geschichte mit dem Baukran zu bewältigen. Das Haus hat einiges erlebt, und die Geschichte hat sich in ihm eingerichtet, zwischen Mischpulten und unergründlichen Gerätschaften.
“Der Geist”, sagt René Rennefeld, einer der leitenden Tonmeister der Hansa-Studios. “Es sind Energien, durch die Musiker sich auf der Stelle wie zu Hause fühlen bei der Arbeit, spirituell und technisch.” Rennefeld führt durch das Studio 1 im vierten Stock, das früher Studio 2 hieß und während der Siebzigerjahre weltberühmt wurde als David Bowies Heimlabor. Der Brite war vor den Erfolgen seiner Frühphase, vor seinen eigenen Kunstfiguren, nach Berlin geflohen. Er hatte Brian Eno als Gehilfen mitgebracht, den ehemaligen Vordenker und Tastenmann der Rockband Roxy Music.
Rennefeld öffnet die Tür zu einer unbeheizten Kammer. Er entzündet eine rostige Lampe und beleuchtet die vergilbte Wand. Auf der Textiltapete zeichnen sich die Inschriften von 1977 ab, ein Herz, ein Kreuz, der Name Brian. Höhlenmalereien der Popkultur. Man steht vor staubigen Verstärkern, die bereits mit den Gitarren von Lou Reed verbunden waren und noch im vergangenen Sommer mit den Instrumenten der Band R.E.M. Man starrt ergriffen auf bespannte Rahmen und auf Raumteiler, die aussehen wie Bienenkästen und schon Aufnahmen von Depeche Mode akustisch aufgewertet haben. Man verbeugt sich vor dem SSL 4000 E, dem Herz des Hauses. Einem analogen Mischpult, das vor 30 Jahren schon eine Million Mark wert war, extra in Hansablau gefertigt wurde und noch immer 75 000 Euro jährlich kostet, weil es unersättlich Strom frisst und besondere Pflege braucht. Zur Energieversorgung ist ein Raum mit Kupfer ausgekleidet, gegen störende Strahlungen. Aber auch gegen schlechte Schwingungen, sagt Rennefeld und lacht.
Drei Gründe seien es, die Künstler auch von weit her in diese heiligen Hallen zögen: “Erstens lockt der Spirit. Zweitens schließt in London und New York ein Studio nach dem anderen aufgrund der Immobilienpreise – auch die Studiomieten in Berlin sind lachhaft im Vergleich. Und drittens: Nirgends klingt es so wie hier.” Die schützende Dreifaltigkeit der Hansa-Tonstudios in schweren Zeiten. In der Dauerkrise des Musikgeschäfts im digitalen Zeitalter. Die Kostenrahmen schrumpfen. Dafür gibt es einen günstigen Schlagzeug-Raum mit Marmorwänden für den harten Hall und sogar Fenster für das Tageslicht und für den Blick auf eine Stadt im Wandel.
1913 stand das Haus bezugsfertig in Kreuzberg. Mitten im Musikviertel, zwischen Alter Philharmonie und Sälen, die benannt waren nach Bechstein, Brahms und Blüthner. Die Berliner Bauverbände hatten es errichten lassen und sich einen Meistersaal gegönnt, um als Mäzene die Kultur der Hauptstadt zu bereichern. Dietrich Fischer-Dieskau debütierte hier, Zarah Leander sang, und Kurt Tucholsky las. Im Erdgeschoss betrieben John Heartfield und Wieland Herzfelde den Malik-Verlag. George Grosz gründete seine eigene Galerie. Expressionisten, Dadaisten, Utopisten liefen durch die Flure, und als sie verschwunden waren, in den Dreißigern und Vierzigern, verkehrten Offiziere der SS im Meistersaal. Die Bomben fielen auf das Viertel und das Haus. Danach wurde es halbwegs wiederhergerichtet. Die Berliner tanzten sich den Kriegsruß aus den Kleidern, “Susis Ballhaus” hieß der Saal, von Meistern hatten sie genug. Die Trümmerlandschaft vor der Haustür wurde 1961 durch die Mauer abgetrennt. Die Köthener 38 rückte von der Mitte an den Rand einer halbierten Stadt in Insellage und verfiel im Kaufpreis.
1964 zogen die Gebrüder Meisel ein, die Söhne des Verlagsgründers und Operetten-Impresarios Will Meisel. Dem Musikverlag folgten die Aufnahmegeräte aus dem Wilmersdorfer Studio der Familie. 1976 ging das Haus in den Besitz von Thomas Meisel über. 1976 war das Jahr, in dem das Schlagerstudio zur Instanz der Popglobalisierung wurde. Marianne Rosenberg und Udo Jürgens waren Stammgäste. Plötzlich kam Nina Hagen aus der anderen Stadthälfte über die Mauer, ein Geschöpf des Wahnsinns, um bei Hansa eine Platte aufzunehmen. “Nina Hagen Band” eroberte die Hitparaden in Amerika und Großbritannien. “So erfuhr die Welt, dass selbst in Deutschland Rockmusik erzeugt wird, und zwar nicht die allerschlechteste”, erinnert sich Tom Müller, der das Album damals produziert hat. 1976 stand auch David Bowie in der Tür.
Man steht heute im Meistersaal, der “Big Hall by the Wall”, wie Bowie seinen Zufluchtsort genannt hat. Und man ahnt, auch noch in Anbetracht der gegenüber liegenden Neubauwand, was er als Star gesucht und teilweise gefunden haben könnte in Berlin. “Die Mauer im Rücken so kalt, so kalt”, sang er in “Heroes”. Hier erlebte er den Schauder der Historie, der sich im Pop bereits verflüchtigt hatte. Hier ließ ihn die Welt in Frieden, zwischen Räumen voller Taubendreck und Bandmaschinen. Er vollendete “The Idiot” mit Iggy Pop bei Hansa, auf Empfehlung des ortsansässigen Kollegen Edgar Froese von Tangerine Dream. Hier dampften Weltgeist und Geschichte aus der Holzvertäfelung und wirkten offenbar beruhigend auf einen Musiker, der durch die neue Zeit gehetzt wurde, als gäbe es kein Morgen.
Bowie radelte zur Arbeit, wenn es regnete, nahm er den Bus. Er ließ sich anregen von Bildern im Museum und der Stammkundschaft in Schwulenkneipen. Er trug schwere Ledermäntel und unter der Nase einen Bart. Sein Tonmeister, Eduard Meyer, hatte zuvor Ilse Werner produziert, war Klassik-Freund und stand ihm unbefangen gegenüber, und die Gattin Gunter Gabriels schmierte ihm Wurstbrote, weil er so dünn war. Bowie nahm sich Zeit für die Geräte, Brian Eno untersuchte Harmonizer und Reverb. Als sie die Stadt wieder verließen, hatte David Bowie seine Meisterwerke eingespielt, seine Berliner Trilogie. Die Alben “Low”, “Heroes” und “Lodger”.
Am Eingang, vor dem heutigen Studio 1, unter der Warnleuchte für “Ruhe, Aufnahme”, hängt eine Goldene Schallplatte für Depeche Mode. Sie waren vor zwei Jahren wieder da, zur Probe für die Echo-Preisverleihung. Drei gereifte Engländer, die sich, wie René Rennefeld erzählt, diesmal gebührend betragen hätten. 1984 wandelten sie in den Hansa-Studios auf David Bowies Spuren. Sie suchten die Klanglandschaft der Einstürzenden Neubauten, der Kellerkinder der beengten Stadt. Vor allem aber tranken sie Berliner Bier und warfen Blumentöpfe aus den Fenstern auf die Mauer. Wie sie Rennefeld berichteten, schleppten sie aus dem Studio auch die größten Lautsprecher ins Freie, um die Grenzsoldaten zu beschallen.
Als die Mauer 1990 schließlich abgetragen wurde, fanden sich U2 bei Hansa ein. Die Iren litten nach ihrem rasanten Aufstieg in den Achtzigern an einer Schaffenskrise, die sie in der Welthauptstadt des unverhofften Auf- und Umbruchs überwinden wollten. Ihnen ging es weniger um die Akustik des Parkettbodens als um die Dimension der Politik und um den unverstellten Blick vom Studiofenster aus. Das Video zu “Stay” ließen sie in der Wüste des Potsdamer Platzes drehen, “One” im Meistersaal. Sie nannten ihre Platte “Achtung, Baby!” Von der Hülle grüßte der Trabant, mit dem ihr Sänger Bono durch die Straßen kurvte, die wieder durch die Berliner Mitte führten.
Eine weitere neue Zeit brach an: Die goldenen Jahre des Musikgeschäfts endeten mit einer Revolution der Studiotechnik. Musiker verstauten digitale Heimstudios in Koffern, mieteten sich in erlesenen, klingenden Gewölben ein und schickten ihre Aufnahmen nur noch zum Endmix an die teuren Tonstudios. Das Haus der Hansa leerte sich. Der prächtige Meistersaal wurde verpachtet, zunächst an den Schauspieler Lutz Herr, der ihn als Kleinkunstbühne unterhielt, und später an den Immobilien-Auktionator Mark Karhausen. Heute wird der Saal im Haus von einer Agentur betrieben, als Event Location, aber auch wieder verstärkt als Studio genutzt. Unter dem Dach, im Hansa-Studio, deutet René Rennefeld auf einen Anschluss in der Wand. “Ein Kabel”, ruft er, “und der Meistersaal ist angeschlossen!”
Rennefeld ist Schlagzeuger und Tonmeister, ein musizierender und produzierender Unternehmer, der mit seinem Partner Alex Wende seit 2005 die Hansa-Tonstudios betreibt. Sven Meisel, Thomas Meisels Sohn, führt den Verlag, er ist der Hausherr. Rennefeld erklärt, es gehe wieder aufwärts mit dem Studio. R.E.M. spielten 2010 bei ihm im Studio 2 ihr Album “Collapse Into Now” ein, sie ließen sich mit dem Meistersaal verkabeln für besondere Momente. Eine Aufnahme heißt “Überlin”, darin lobt Michael Stipe, der Sänger, die für alles und für jeden offene Metropole und die zuverlässige U-Bahn. Stipe hielt es wie David Bowie 35 Jahre vor ihm: Er nahm Teil am Leben. Er durchradelte die Stadt, genoss Konzerte, Kunst und die vegane Küche. “Es fällt leichter, kreativ zu sein an einem kreativen Ort”, sagt Stipe. Berlin sei heute, was New York zwischen den Siebzigern und Achtzigern gewesen sei, versetzt ins 21. Jahrhundert allerdings. Er sagt, es gebe keinen nennenswerten Underground, der Fremde, Zugereiste und Touristen ausschließe. Alles sei öffentlich.
Bei René Rennefeld klingelt das Telefon. Gereizt spricht er hinein, dass für Besucher offizielle Studioführungen von Radiosendern angeboten werden. Er verweist auf Google. Täglich rufen ihn Historiker und Fährtenleser an, um zu besichtigen, an welchen Knöpfen Bowie drehte und wo Bonos Sonnenbrille lag. Vor allem aber Fans von Depeche Mode, seufzt Rennefeld. So gern er Gäste auf die alten Ledersofas setzt und von den Schwierigkeiten redet, angejahrte Stoffbespannungen zu reinigen, ohne den ursprünglichen Schall zu ruinieren, und so herzlich er den Studiogeist beschwört: Es geht ihm um die Zukunft der Musik und des Gewerbes. “Was wären die Hansa-Studios ohne David Bowie? Was wäre das Land da draußen ohne Helmut Kohl?”, fragt er. Mit anderen Worten: Es gibt Mythen und Legenden, und es gibt das Leben, es geht weiter. Künstler sehnen sich wieder nach warmen Klängen aus antiken Kisten und zugleich nach praktischen Computern, um die Arbeit zu erleichtern. Sie bevorzugen geschichtsträchtige Orte mit intakter Infrastruktur. Vielleicht auch deutsche Ingenieure an den Reglern.
Zwei Etagen tiefer hat sich Herbert Grönemeyer eingerichtet. Udo Jürgens nimmt noch immer seine Lieder auf im ehrenwerten Haus der Hansa. In den Räumen wird Musik für Carmen Nebel und für DJ Ötzi hergestellt. Am Vormittag war David Garrett da, der Geiger mit dem langen Haar. Philosophie, sagt René Rennefeld, und redet über Abschreibung und Wertschöpfung: “Wenn immer wieder Hits ein Haus verlassen, muss es irgendwie Haus liegen”, schließt er. Soviel zum Hausgeist.
Artikel Morgenpost, 27. März 2011, Autor: Michael Pilz





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